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Anna v. Gierke

*14.3.1874 Breslau
+3.4.1943 Berlin

V: Otto (v.) Gierke *11.1.1841, +10.10.1921.
M: Maria Caecilie (Lili) Loening *24.5.1850, +9.3.1936.

 

Stammtafel

Vorfahren

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(Der Text stammt von Hildburg Wegener)

Bedeutung

Anna von Gierke (siehe Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon; Hildburg Wegener, Anna von Gierke. Sozialpädagogin zwischen konservativer Politik und freier Wohlfahrtspflege) ist Vertreterin einer Generation bürgerlicher Frauen, die den Aufstieg des Wilhelminischen Deutschlands und die Gleichberechtigung der Frau zur eigenen beruflichen Verwirklichung nutzten, sich in der Lebensmitte der Bewältigung der Kriegs- und Nachkriegszeit stellten, den Weimarer Staat aktiv mitgestalteten und gegen Ende ihres Lebens im NS-Staat mittel- und einflußlos da standen.

Anna von Gierkes eigentliche Pionierleistung ist der Aufbau einer sozialpädagogischen, d.h. bewusst volkserzieherischen Kinder- und Jugendfürsorge in Berlin-Charlottenburg, die auf ganz Deutschland ausstrahlte. Sie trug ferner an herausgehobener Stelle zur Entstehung des subsidiären Systems der Wohlfahrtsverbände bei, das bis heute Grundlage des deutschen Sozialstaates ist. Eine wichtige Rolle für ihr Engagement spielte der Einfluß ihres Vaters, des Rechtsgelehrten Otto von Gierke, und ihre Herkunft aus dem gebildeten, protestantischen, wertkonservativen Bürgertums, zu dessen Ethos es gehörte, durch Sozialreform und Wohlfahrtspflege dem Sozialismus entgegen zu treten und die negativen Auswirkungen des Kapitalismus zu begrenzen. Dazu gehören auch ihr politischer Einsatz und ihre Position als Abgeordnete in der Nationalversammlung.

 

Sozialpädagogisches Wirken

Anna von Gierke übernahm mit 18 Jahren ohne jede Vorbildung die Leitung eines Mädchenhorts in einem Charlottenburger Arbeiterviertel. Aus diesen Anfängen entwickelte sie eine umfassende sozialpädagogische Arbeit mit Horten für sozial gefährdete Jungen und Mädchen an den 17 Charlottenburger Gemeindeschulen, angegliederten Kindergärten und Kinderkrippen, einer Schulspeisung für insgesamt 1000 Kinder und Aus- und Fortbildungskursen für die rund 50 angestellten Mitarbeiterinnen, 200 ehrenamtliche Helferinnen und etwa 15 Schulpflegerinnen, die eine frühe Form der Schulsozialarbeit entwickelten. In den Ausbildungskursen legte sie einen besonderen Schwerpunkt auf die sozialen und politischen Fächer. Sie schuf so den eigenständigen Beruf der Hortnerin für die außerschulische Arbeit mit älteren Kindern und Jugendlichen, der 1914 staatlich anerkannt und dem der Kindergärtnerin gleichgestellt wurde.

1910 eröffnete sie auf einem von der Stadt zur Verfügung gestellten Grundstück eine Zentrale für die Kinder- und Jugendfürsorge in Charlottenburg, das „Jugendheim“, in dem sie die von ihr geleiteten Einrichtungen zusammenfasste. Das Haus wurde zu einer Musteranstalt für die Hortarbeit und andere Einrichtungen der Kinder- und Jugendfürsorge, beherbergte das „Sozialpädagogische Seminar“, eine Ausbildungsstätte, an der Hortnerinnen, Kindergärtnerinnen, Jugendleiterinnen und Wohlfahrtspflegerinnen unterrichtet wurden und zugleich in den verschiedenen Einrichtungen des Jugendheims unter Anleitung praktische Erfahrungen sammeln konnten, und ein Zentralbüro für die verschiedenen Vereine, denen Anna von Gierke vorstand, darunter der Verein Jugendheim, der Charlottenburger Hausfrauenverein, der Stadtverband Berliner Frauenvereine und der Verband Deutscher Kinderhorte.
Der Erste Weltkrieg führte in ganz Deutschland zu einer Ausweitung der Hortarbeit, weil mehr Mütter berufstätig sein mussten und vor allem in der Rüstungsindustrie gebraucht wurden. Anna von Gierke bereiste im Auftrag des Kulturministeriums die preußischen Provinzen, inspizierte die dort entstehenden Horte, sorgte für die Einhaltung von Qualitätsstandards und organisierte Fortbildungen, um die dort angestellten Kindergärtnerinnen für die Arbeit mit älteren, häufig sozial gefährdeten Kinder zu qualifizieren. Sie koordinierte die Kriegswohlfahrt in Charlottenburg und war Vorsitzende einer beim Kriegsamt eingesetzten Kommission für Kinderfürsorge.

 

Parteipolitisches Engagement und Wohlfahrtspolitik

1918 wurde Anna von Gierke, ebenso wie ihr Vater, Gründungsmitglied der Deutschnationalen Volkspartei. Sie war eine der drei weiblichen Abgeordneten der DNVP in der Nationalversammlung. Sie gehörte zu dem nicht sehr großen Flügel der „gemäßigten Konservativen“, die die neue Republik zu einem Erfolg machen wollten, um so dem Wohl der darin lebenden Menschen und der Zukunft Deutschlands zu dienen. Größere Reden im Plenum hielt sie zur Familienpolitik, zur Sozialpolitik, zum Schutz der Jugend vor „Schundfilmen“ und zum Heimstättengesetz. 1920 wurde sie von der Partei wegen ihrer jüdischen Herkunft nicht wieder für die Reichstagswahlen aufgestellt, der Wahlkreis ging an einen deutschvölkischen Abgeordneten.
 
Da ihr die große Politik verwehrt blieb, war sie in der Weimarer Republik vor allem wohlfahrtspolitisch tätig. Neben den sich etablierenden Wohlfahrtsverbänden schuf sie zunächst aus den ihr verbundenen Verbänden der Jugendhilfe und der Frauenbewegung einen in sich gegliederten Wohlfahrtsverband für die freien Träger und Vereine, die bislang nicht einen konfessionellen oder politischen Spitzenverband angeschlossenen waren. Sie nannte diesen Verband, in Abgrenzung zur Caritas, Humanitas. Es gelang ihr aber nicht, die staatliche Anerkennung als eigenständiger Spitzenverband zu erreichen. 1925 fusionierte sie die „Humanitas“ deshalb mit Verbänden aus dem Gesundheitsbereich zum „Fünften Verband“, dem späteren Deutschen Paritätischer Wohlfahrtsverband und war bis 1933 dessen zweite Vorsitzende.

 

Die letzten zehn Jahre

1933 wurde Anna von Gierke aller Ämter enthoben. Der Verein Jugendheim löste sich auf, das Jugendheim-Haus fiel an die Stadt zurück und wurde im Krieg zerstört. Ihr blieb das Elternhaus in Charlottenburg und das „Landjugendheim“ in Finkenkrug bei Berlin, das der Erholungsfürsorge der Kinder in den Einrichtungen des Jugendheims und der Praxisausbildung der Mitarbeiterinnen in einem Heimbetrieb diente. Sie baute das Elternhaus um, nahm zahlende Mieter auf, betrieb das Landjugendheim zusammen mit ehemaligen Mitarbeiterinnen weiter und sicherten sich so Lebensmittel und bescheidene, aber regelmäßige Einkünfte. Finkenkrug bot einer Reihe von Kindern Schutz, deren Eltern versteckt, im KZ oder die umgekommen waren. Eine Zusammenstellung nach 1945 dokumentiert die Namen von insgesamt 15 „rassisch verfolgten“ Jungen und Mädchen, die eine Zeit lang in Finkenkrug Aufnahme fanden.

Anna von Gierke wurde Mitglied in der Bekenntnisgemeinde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, einem der Brennpunkte des Kirchenkampfes. Um sie bildete sich ein Hauskreis, der Bekannte aus ganz Berlin anzog. An den Abenden wurden Informationen über die Aktivitäten der Bekennenden Kirche ausgetauscht und biblische Texte oder Werke der modernen Literatur besprochen. Es wurden Adressen ausgetauscht, über die Schicksale von Menschen informiert, die inhaftiert waren oder Deutschland verlassen wollten, sowie Lebensmittelkarten für Untergetauchte gesammelt und vor-übergehende Unterkünfte besorgt. Wegen dieser Aktivitäten mußte sie sich im November 1942 einem längeren Verhör der Gestapo stellen.

 

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